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16 Jul 2012 

Pflanzen für die Ewigkeit


Noch vor wenigen Jahren hätte man es kaum für möglich gehalten, dass sich die Kunstblumen einmal einen größeren Freundeskreis erobern könnten. In Amerika haben sie es schon lange getan. Sie werden in vielen Selbstbedienungsläden und erstaunlicherweise sogar in Blumengeschäften geführt und vor allem von Hausfrauen, Innenarchitekten, Fernsehstudios, Photografen und Schaufensterdekorateuren gekauft.

Ihre zunehmende Beliebtheit ist verständlich, denn es sind wunderhübsche Gebilde. In Form, Farbe und Beschaffenheit verblüffend naturgetreu, sind sie von lebenden Pflanzen kaum noch zu unterscheiden.

„Es ist wie bei Gemälden”, erklärte mir ein Blumenhändler. „Will man. den rechten Eindruck bekommen, so muss man etwas zurücktreten.” Er hielt mir auf Armeslänge einen Strauß Löwenmaul vor, in den er einen künstlichen Stiel von der gleichen Art und Farbe eingebunden haue. Es war mir nicht möglich, ihn unter den echten herauszufinden. Forsythien, Pfingstrosen, Flieder, Rosen, Poinsettien nebeneinander in einer Vase lachten liebenswürdig allen jahreszeitlichen Gegebenheiten Hohn. Auch habe ich künstliche Früchte und Gemüse gesehen, deren „Fleisch” ganz wie bei echten unter Fingerdruck elastisch nachgab.
Kunstblumen gibt es schon lange. Die alten Ägypter machten sie aus bemalter Leinwand und gefärbten Hornspänen. Die Römer nahmen Gold. Die Erzeugnisse von heute übertreffen alle vorangegangenen bei weitem. Sie sind äußerst raffiniert gearbeitet, und ihr Ausgangsmaterial hat für den Zweck geradezu ideale Eigenschaften. Es ist Polyäthylen, der Kunststoff, aus dem unter anderem die hauchdünnem Plastikbeutel und die Weichplastikflaschen hergestellt werden. Für die Nachahmung von Blüten ist er wie geschaffen.

Die Blumenteile werden in Formen gegossen und dann mit der Hand zusammengesetzt. Das Material ist unverwüstlich und in hohem Maße farbecht. Man kann es mit lauwarmem Seifenwasser abwaschen, was sehr vorteilhaft ist, weil sich an Plastikblumen leicht Staub ansetzt. Ich kenne einen Blumenhändler, der von Zeit zu Zeit seine Kunstblumen mit unter die Dusche nimmt.

Wo die ersten brauchbaren Plastikblumen hergestellt worden sind, ist schwer festzustellen. Manche sagen, in Frankreich, andere behaupten, in Italien.

Es kostet viel Mühe, eine Plastikblume zu entwerfen und herzustellen. Die Vorarbeiten dauern bis zu fünf Monaten. Wie viele Einzelteile man braucht, hängt von der Blumenart ab. Bei der Rosenknospe sind es sieben, bei der vielbewunderten, von den beiden Firmen hergestellten amerikanischen Prachtscharte, einem rosenroten Korbblütler, nicht weniger als 1200.

Zuerst haben wohl die Kaufhäuser erkannt, dass die Plastikblume als Wohnungsschmuck gute Absatzmöglichkeiten bietet. Doch ist die Kunstblumenindustrie auch der verstorbenen Blumenhändlerin Constance Spry, der berühmten Londoner Hoflieferantin, eine Verbeugung schuldig. Frau Spry eröffnete in den dreißiger Jahren in New York eine Filiale, in der sie Blumenarrangements mit Kunstblumen untermischte. Der Reichtum und die Vornehmheit ihrer Kunden, gab der Idee den Stempel einer eleganten Neuheit.

In San Francisco hat sich ein Kunstblumengeschäft seit 1926 gegen den Blumenreichtum Kaliforniens behauptet. „Früher”, sagt der Inhaber des auf Blumenarrangements spezialisierten Unternehmens, „hatten viele unserer Kunden ihre eigenen Gewächshäuser. Und doch wurden unsere Arrangements gekauft, weil sie haltbarer sind. Dazu kommt, dass künstliche Blumen keine allergischen Beschwerden verursachen. Kürzlich hat sich eine berühmte Schauspielerin, die echte Blumen nicht verträgt, von uns zwei Plastikarrangements für ihr Hotelzimmer kommen lassen.”
Die Kunstblumen stellen die Blumenhändler vor neue Aufgaben. „Wir sind”, erklärte mir einer, „unter die Innenarchitekten gegangen. Unsere Kunden sagen uns, was für Tapeten, Teppiche und Vorhänge sie haben, und wir stellen ihnen dazu passende Plastikarrangements zusammen.”

Gute Kunstblumen kosten mindestens dreimal soviel wie Blumen von beispielsweise echten Rosen sind aber auf lange Sicht billiger, weil sie ja nicht welken. Man kann sie in Plastikbeuteln lagern, und wenn man sie nicht allzu sehr der Sonne aussetzt, bleichen sie nicht. Hervorragend eignen sie sich für abgelegene Kapellen, für Leichenhallen und Grüfte sowie für Wohnungen in heißen Zonen. Von Leuten, die in Einfamilienhäusern wohnen, wissen Blumenhändler zu berichten, dass sie Kunstblüten mit Draht auf ihre Gartenpflanzen stecken, um die Nachbarn zu beeindrucken.

Noch vor fünf Jahren war die Kunstblume vielen Blumenhändlern ein Greuel. Heute wird sie von ihnen willkommen geheißen, denn sie bedeutet einen hübschen Extragewinn. Außerdem bietet sie einen besonderen Vorteil. Sie ermöglicht es ihnen, den Vorrat an echten, nur allzu rasch vergänglichen Blumen auf den wirklichen Bedarf zu beschränken und trotzdem stets einen üppigen Blumenflor auszustellen.
Admin · 208 mal angesehen · 0 Kommentare
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